Selbstständig lernen: Was in der Klasse klappt, geht zu Hause oft verloren

Ein Kind, das im Unterricht gelernt hat, zuerst ins Buch zu schauen, bevor es die Hand hebt, sitzt am Nachmittag am Küchentisch und ruft nach zwei Sekunden: «Mami, ich kann das nicht.» Und Mami kommt. Ich sehe diese Szene seit Jahren, weil wir mit Fokus Nachhilfe Familien beim Lernen zu Hause begleiten. Sie ist der Grund, warum ich den Beitrag der Lehrmittelperlen zum selbständigen Arbeiten im Unterricht so gern gelesen habe. Die Strategien, die dort beschrieben werden, funktionieren. Nur kommen sie selten bis ins Wohnzimmer.

Das liegt nicht an den Kindern. Zu Hause gelten andere Regeln als in der Klasse. Es gibt keinen Banknachbarn, den man fragen könnte. Dafür gibt es einen Erwachsenen, der die Lösung kennt, gerade Zeit hat und das Kind lieb hat. Der Weg zur Hilfe ist kürzer als der Weg zum eigenen Denken. Und die Erwachsenen selbst empfinden das Helfen als das Richtige. Wer sein Kind stecken sieht, will eingreifen. Das ist kein Fehler, es ist ein Reflex.

Was die Eltern nicht wissen können

Was mir bei den Familien am häufigsten auffällt: Die Eltern kennen die Routine aus dem Klassenzimmer nicht. Sie wissen nicht, dass ihr Kind gelernt hat, zuerst nachzudenken, dann im Heft nachzuschauen und erst danach zu fragen. Also gibt es zu Hause keine solche Routine, und das Kind fällt in das Muster zurück, das dort am schnellsten funktioniert. Fragen.

Dabei wäre die Brücke einfach. Wenn eine Klasse mit Bildern oder Kärtchen arbeitet, die den ersten Schritt vor dem Hilferuf vorgeben, dann gehört genau diese Reihenfolge auf einen Zettel an die Eltern. Drei Zeilen reichen. «Bevor du fragst: Aufgabe noch einmal lesen. Beispiel im Buch suchen. Dann erst rufen.» Eltern setzen so etwas gern um, wenn sie wissen, dass es dasselbe ist wie in der Schule. Es nimmt ihnen die Unsicherheit, ob sie gerade zu viel oder zu wenig helfen.

Die Wartezeit ist der eigentliche Schritt

Die zweite Sache, die ich Eltern immer wieder empfehle, klingt banal: warten. Nicht nach dem ersten «ich kann das nicht» aufstehen. Ich rate zu einer festen Zeit, zum Beispiel eine Minute, in der das Kind es allein versucht, bevor jemand kommt. In dieser Minute passiert meist mehr, als die Eltern erwarten. Das Kind liest die Aufgabe ein zweites Mal. Es findet die Stelle im Buch. Manchmal löst es die Aufgabe einfach.

Und wenn dann Hilfe nötig ist, hilft eine Frage mehr als eine Erklärung. «Was genau ist die Aufgabe?» oder «Was hast du schon probiert?» bringt das Kind zurück in den eigenen Denkweg. Eine fertige Erklärung tut das nicht. Wir haben dazu einen längeren Text geschrieben, wie Eltern Hausaufgaben ohne Streit begleiten können. Der Kern ist immer derselbe: Ich bin da, aber du machst die Arbeit.

Warum Fehler zu Hause schwerer wiegen

In der Klasse ist ein Fehler einer von zwanzig. Zu Hause ist er der einzige, und ein Elternteil schaut zu. Das erklärt, warum viele Kinder beim Lernen zu Hause vorsichtiger und unselbständiger sind als im Unterricht. Die Angst vor dem falschen Ergebnis ist grösser, weil die Aufmerksamkeit grösser ist.

Ich halte darum wenig davon, wenn Eltern jeden Schritt kontrollieren. Die Kontrolle am Ende reicht. Ein Kind, das weiss, dass erst das fertige Blatt angeschaut wird, arbeitet freier. Es probiert, streicht durch, probiert nochmals. Ein Kind, das nach jeder Zeile eine Reaktion bekommt, wartet auf die Reaktion. Das ist das Gegenteil von selbständig.

Nicht jede Familie schafft diesen Wechsel allein, und das ist in Ordnung. Manchmal ist es leichter, wenn eine Person von aussen dabei sitzt, die weder Mutter noch Lehrerin ist. Genau so verstehen wir bei Fokus Nachhilfe Lernbegleitung zu Hause: nicht vorsagen, sondern das Kind so lange begleiten, bis es die Hilfe nicht mehr braucht.

Was Lehrpersonen mitgeben können

Zum Schluss ein Wunsch aus der Praxis. Wenn Sie im Unterricht eine Routine für den selbständigen Arbeitsbeginn einführen, sagen Sie es den Eltern. Am Elternabend, im Elternbrief, in einem Satz unter der Hausaufgabe. Die Eltern sind Ihre Verbündeten, sie wissen nur oft nicht, wie. Und ein Kind, das zu Hause dieselbe Reihenfolge erlebt wie in der Klasse, muss nicht zwischen zwei Welten wechseln. Es lernt einfach weiter.

 

 

Gastbeitrag von Liam Mörker – Mitgründer von Fokus Nachhilfe. Das Bildungsinstitut aus der Deutschschweiz organisiert und begleitet Nachhilfe bei Schülerinnen und Schülern zu Hause. Ein pädagogisches Team achtet nach jeder Lektion auf den Fortschritt und passt die Begleitung an, wenn nötig.

Beitragsbild: lourdesnique