Rezension: Das große Monster-ABC

Vor kurzem erreichte mich ein Mail, in dem ich auf ein Kinderbuch aufmerksam gemacht wurde: „…ich wollte Sie fragen, ob Sie Interesse an einem Rezensionsexemplar meines gerade bei Thienemann erschienenen Bilderbuchs „Das große Monster-ABC“ haben? Das Bilderbuch nimmt Grundschulkinder mit auf eine fantastische Reise durch das Alphabet, wo es mit einem gereimten Text und prächtigen Illustrationen von Julia Nüsch zu jedem Buchstaben ein fabelhaftes Monster zu entdecken gibt.

Eigentlich habe ich bis jetzt jede Rezensions-Anfrage oder Produktbewertung abgelehnt, denn ich lege Wert darauf, dass die Lehrmittelperlen werbefrei bleiben und ich mich auch nicht für die Bewerbung irgendeines Produkts benutzen lassen möchte. Wie immer schaute ich mir trotzdem den Hintergrund zu diesem Buch an, besonders den des Autors. Was mich letztendlich jedoch dazu verleitete, eine Ausnahme zu machen und eine unbezahlte Rezension zu diesem Buch zu verfassen, liegt in einer ganz interessanten Gemeinsamkeit mit der Ehefrau des Buchautors, die ich ebenso wenig wie ihn kenne: Offensichtlich lieben wir beide Störche.

Zum Inhalt:
Zu jedem Monster hat Jan Kaiser ein spezielles Monster kreiert und dessen Besonderheiten gekonnt in Reime verpackt. Es beginnt mit dem Monster A wie Abendmonster, geht über D wie Daunenmonster zu P wie Propellermonster bis letztlich Z dem Zwergenmonster. Auf sehr kreative Weise hebt der Autor gekonnt und oft schaurig schön das Spezielle am jeweiligen Monster hervor, das Lesern wie Zuhörern zumindest ein Schmunzeln in das Gesicht zaubert. Visuell wunderschön in Szene gesetzt von Julia Nüsch begeistern diese kleinen und großen Wesen mit enorm vielen Details in einer Reichweite von einzigartig und sehr speziell bis hin zu herzig und grausig. Öfters kann man sich bei diesem Buch auch nicht des Gefühls erwehren, dass man dem einen oder anderen Monster schon einmal im Leben begegnet ist. Mit Sicherheit ist das Sockenmonster niemandem unbekannt, das allerorts das „Menschheits-Socken-Grundproblem“ präsent sein lässt und beim Lesen für viel Gaudium sorgt.

Meine Meinung:
Vorab ein riesengroßes Kompliment an Julia Nüsch, die wunderschöne Illustrationen geschaffen hat und den Kindern bereits beim Anschauen des Buches ein einmaliges Erlebnis schenkt. Es gibt so viel zu entdecken bei diesen detailverliebten Monstern, sodass das Buch von den Kindern gerne mehrmals in die Hand genommen wird.
Sehr einfallsreich, pointiert und wirklich lustig auch für Erwachsene werden zu jedem Buchstaben – zu ausnahmslos jedem – einzigartige Monster beschrieben, die die seitenfüllenden Bilder noch lebendiger werden lassen. Aber selbst wenn man keine Bilder vor sich hat, erwachen diese liebenswerten, schaurig realen Monster förmlich vor dem geistigen Auge zum Leben und zaubern einem ein Lächeln in das Gesicht, ist man doch überzeugt, dem einen oder anderen Monster schon einmal begegnet zu sein. Beim Vorlesen erfährt der gelesene Text immer wieder eindeutige Bestätigung durch das Kinderlachen, weil das beschriebene Monster offensichtlich bekannt oder sogar zugegen ist.
Jan Kaiser versteht es, diese durchwegs liebenswürdigen Monster sehr real werden zu lassen. Bemerkenswert bei den Texten ist, dass die Reime durchwegs fluide sind und auf sehr nette, ansprechende, aber auch originelle Weise diese Monster konsistent beschreiben. Schnell kommt man in eine Satzmelodie und diese unterstreicht den Reim-Rhythmus. Zwischendurch findet man sich mit speziellen, nicht geläufigen Ausdrückend konfrontiert, die jedoch im Kontext gut verständlich sind und als eine Bereicherung in der Erweiterung des Wortschatzes gesehen werden können. Jan Kaisers Wortwitz lässt sowohl Kinder als auch Erwachsene das Reimgefüge auf sehr ansprechende Weise erleben, der dazu beiträgt, dass einzelne Passagen oder auch gesamte Monster-Reime wortgetreu wiedergegeben und auch immer wieder rezitiert werden können. Selbst nach mehrfachem Lesen wird bedauert, dass das Alphabet nur 26 Buchstaben hat und es keine Monster-Reime zu Buchstabenkombinationen, wie z.B. dem „Sch“ gibt.
Für mich und meine zuhörende Kinderschar war das Buch eine wirklich unterhaltsame und auch lehrreiche Lektüre. Als Lehrerin würde ich das Buch in die Schulbibliothek aufnehmen, denn der Inhalt zielt sowohl auf die Erarbeitung der Buchstaben laut Lehrplan als auch auf die Förderung des Lesens und auch des Erzählens ab. Kinder lieben solche schön illustrierten Bücher und mögen es, wenn sie sich in dem einen oder anderen Monster-Gedicht wiederfinden. Mit Begeisterung fangen sie an zu schildern, was sie mit dem Monster verbindet oder wo sie diesem Monster schon einmal begegnet sind. Einziger Kritikpunkt ist für mich im Zusammenhang mit dem Selbstlesen bei Erstlesern die Schriftauswahl im Buch: Ich würde eine Anlehnung an die Schulschriften empfehlen, die ein geschlossenes kleines „a“ und die Unterscheidung bei dem großen „I (Ih) und dem kleinen „l (el)“ ermöglichen. Das erleichtert das Lesen am Beginn und sorgt für weniger Frust bei Kindern, denen das Lesen nicht ganz so leichtfällt, denn die Textlänge pro Monster ist überschaubar und schreckt nicht ab.
Für Pädagogen eignet sich das Buch nicht nur, um Kindern in der Unterstufe das Erlernen der Buchstaben mit einem schönen Buch zu ergänzen, sondern auch den kreativen Umgang mit Buchstaben unterhaltsam näher zu bringen. In weiterer Folge trainieren Kinder auch ihre Fähigkeit Reimwörter zu erkennen, weitere zu finden und das Reimgefüge zu analysieren. Ich finde, dass sich das Buch auch bei ersten Übungen zur Verfassung von Beschreibungen eignet und eingesetzt werden kann, denn die Monster sind sehr detailreich geschildert. Hier ist absolut pädagogischer Mehrwert gegeben, der im Unterricht kreativ ausgebaut werden kann.
Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang auch die Aufforderung des Verfassers auf der letzten Seite des Buches, ihm doch weitere bekannte ABC-Monster nennen. Nachdem ich durch dieses Buch mehrere schöne Stunden hatte, möchten ich hier noch ein ABC-Monster hinzufügen, das auch beim Vorlesen zugegen war:

Ich ergänze E mit Echo-Monstern.
Die, die nahe bei dir sitzen.
Sie nutzen die Gelegenheit,
um etwas zu stibitzen.
Sie achten gut auf jedes Wort,
das kommt aus deinem Munde.
Auch das, was eigentlich geheim
macht danach schnell die Runde.
Sie hüten ihren Wortschatz,
wie Bienen ihre Waben,
um Tag für Tag das ganze Jahr,
das letzte Wort zu haben.

Buchdetails:
Autor: Jan Kaiser
Illustrationen: Julia Nüsch
Herausgeber: Thienemann Verlag 09/2025, gebundene Ausgabe
Buchlänge: 34 Seiten
Altersempfehlung: 5-8 Jahre
Preis: 18 €
ISBN: 978-3522459846