Die Vogelscheuche

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Ein kleiner Fink wurde von einem Jäger am Flügel verletzt. Einige Zeit konnte er überleben mit den Dingen, die er am Boden fand. Dann aber brach schrecklich und eisig der Winter ein.

An einem kalten Morgen suchte der Fink etwas, was er sich in den Schnabel stecken konnte und setzte sich auf eine Vogelscheuche. Es war eine vornehme Vogelscheuche und sie war mit den Krähen, Elstern und anderen Vögeln gut befreundet.

Ihr Körper bestand aus einem Strohballen, um den ein alter, festlicher Anzug gewickelt war; die Zähne waren aus Maiskörnern gemacht, als Nase hatte er eine Rübe und zwei Nüsse bildeten die Augen.

„Was ist denn passiert, kleiner Fink?“, fragte die Vogelscheuche, freundlich wie immer.

„Es geht mir schlecht“, seufzte der Fink, „die Kälte bringt mich um und ich habe keinen Unterschlupf. Vom Essen gar nicht zu sprechen. Ich fürchte, ich werde das Frühjahr nicht erleben.“

„Hab keine Angst. Schütze dich unter meiner Jacke. Mein Stroh ist trocken und warm.“

So fand der Fink ein neues Heim im Herzen aus Stroh der Vogelscheuche. Blieb nur noch das Problem mit dem Essen. Es wurde immer schwieriger für den Finken, Beeren oder Samen zu finden. Eines Tages, als alles unter der eisigen Frostdecke erschauerte, sagte die Vogelscheuche liebevoll zum Finken:

„Fink, friss meine Zähne, es sind hervorragende Maiskörner.“
„Dann hast du ja keinen Mund mehr.“
„So sehe ich viel klüger aus.“

Die Vogelscheuche stand nun ohne Mund da, aber sie war froh, dass ihr kleiner Freund lebte. Sie lächelte ihm mit den Augen aus Nüssen zu. Nach einigen Tagen war die Karottennase an der Reihe.

„Friss sie. Sie enthält viele Vitamine“, sagte die Vogelscheuche zum Finken.

Danach bot sie ihm die Nüsse an, die ihre Augen waren. „Mir genügt es, wenn du mir erzählst, was du siehst“, sagte sie,

Am Ende bot die Vogelscheuche dem Finken auch den Kürbis an, der ihren Kopf bildete.

Als der Frühling kam, war die Vogelscheuche nicht mehr da. Doch der Fink war lebendig und hob ab zum Flug in den blauen Himmel.

Quelle: Bruno Ferrero, Qumran2
Bild: Pixabay, AdinaVoicu, Lizenz: CC0 Public Domain