Das Antlitz Christi

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In Sizilien lebte ein Mönch namens Epifanio. Eines Tages entdeckte er, dass er das Talent besass, wunderschöne Ikonen malen zu können.

Er beschloss, sein Meisterwerk zu schaffen: eine Ikone mit dem Antlitz Christi. Doch wo sollte er ein geeignetes Modell finden, das gleichermassen Leiden und Freude, Tod und Auferstehung, Göttlichkeit und Menschlichkeit ausdrückte?

Epifanio gab nicht auf: Er machte sich auf die Reise, durchquerte ganz Europa und erforschte jedes Gesicht. Nichts. Ein Gesicht, das sich eignete, Christus darzustellen, war nicht finden.

Eines Abends hatte er einen Traum. Ein Engel erschien ihm und führte ihn zu den Menschen zurück, denen er begegnet war. Bei jedem wies er auf eine spezielle Eigenheit, die dessen Gesicht ähnlich aussehen liess, wie Christi Antlitz: die Freude einer jungen Braut, die Unschuld eines Kindes, die Kraft eines Bauern, das Leiden eines Kranken, die Angst eines Ausgestossenen, die Güte einer Mutter, die Bestürzung eines Waisen, die Strenge eines Richters, die Heiterkeit eines Narren, die Anteilnahme eines Zuhörers, das verhüllte Gesicht eines Aussätzigen ...

Epifanio kehrte in sein Kloster zurück und machte sich an die Arbeit.

Nach einem Jahr war die Christus-Ikone bereit und er präsentierte sie dem Abt und seinen Mitbrüdern. Diese waren sprachlos und fielen auf die Knie. Das Antlitz Christi war wundervoll, herzergreifend, es ergründete und erforschte ihr Innerstes.

Vergeblich fragten sie Epifanio, wer ihm Modell gestanden sei.

Bruno Ferrero, Qumran2
Bild: Pixabay, 21150