Die Classroom Management-Philosophie bei der Integration von Flüchtlingen I

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Gastbeitrag von Christoph Eichhorn

Classroom-Management bietet eine ganze Reihe an Möglichkeiten, um die Integration von Schülerinnen und Schüler mit Fluchterfahrung zu erleichtern. Es gilt als das wirksamste schulische Instrument, Schülerinnen und Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten zu integrieren (Hennemann und Hillenbrand, 2010). Der Artikel skizziert einige der wichtigsten Aspekte.

Gute Beziehung zum neuen Schüler aufbauen

Kind chombosan1Im Classroom-Management ist klar, dass gute Lehrer-Schüler-Beziehungen die Basis guten Unterrichts sind. Und sie sind kein Zufall. Sondern jede Lehrperson kann die Art ihrer Beziehung zu fast allen ihren Schülerinnen und Schülern durch entsprechendes Vorgehen positiv beeinflussen. Wichtige Ideen sind:
- der Aufbau einer guten Beziehung beginnt mit der ersten Begegnung mit dem Schüler
- die Lehrperson geht vom ersten Tag an aktiv auf den Schüler zu, statt zu warten, bis dieser auf sie zu kommt – was im Extremfall lange dauern kann.

Lehrperson und Schüler lernen sich vor dem ersten Schultag kennen

Kind chombosan2Während des laufenden Unterrichts besteht nur wenig Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen. Darum bietet sich ein erstes Treffen zwischen Lehrperson und Schüler vor dem ersten Schultag an. Einige der wichtigsten Ziele dabei sind:
- sich kennenlernen
- dem neuen Schüler Orientierung und Sicherheit bieten
- sich wenn möglich einen groben Eindruck von Lernstand des Schülers machen. Dazu gehört natürlich auch herauszufinden, wie gut seine Deutschkenntnisse sind, ob er Erfahrungen mit Hausaufgaben hat und überhaupt in der Lage ist, diese zu bewältigen,

Das erste Treffen von Lehrperson und Schüler:
 

Kind chombosan3Wenn möglich erwartet die Lehrperson den Schüler an der Schulhaustür und begleitet ihn und seine Eltern dann ins Klassenzimmer. Damit erspart sie ihnen eventuell eine Odyssee durchs Schulhaus beim Suchen des Klassenzimmers. Auf dem Weg dorthin geht es um small-talk, also z.B., dass sich die Lehrperson erkundigt, ob die Eltern die Schule gut gefunden haben. Aber auch darum, dass der Schüler am nächsten Tag unkompliziert den Weg ins Klassenzimmer findet.
Im Klassenzimmer hängt bereits eine Landkarte des Herkunftslandes. Schüler und Eltern zeigen, aus welcher Region sie kommen.

Inhalte dieses ersten Treffens könnten sein:

  • Die Lehrperson spricht den Schüler und dessen Eltern als Experten für ihre Heimat an, in dem sie fragt: „Wie verläuft ein erster Schultag bei dir zu Hause?“
  • Sie informiert über den ersten Schultag und stellt das Klassenzimmer vor. Also zum Beispiel, wo der Sitzplatz des Schülers sein wird, wo sich welches Material befindet, wie der PC funktioniert, welche Klassenregeln und Rituale gelten, usw.
  • Sie gibt, in der Sprache des Schülers, eine Liste ab, was der Schüler für den ersten Schultag braucht. Oder kümmert sich selbst um entsprechende Unterlagen für ihn.
  • Sie erklärt, einige der wichtigsten Klassenregeln, aber auch implizite Regeln, wie zum Beispiel, was man tut, wenn man auf die Toilette muss oder Durst hat.
  • Wenn möglich verschafft sie sich noch einen ganz groben Überblick darüber, was der Schüler kann und was nicht. Ziel dabei ist, ihm am ersten Schultag bewältigbare Aufgaben geben zu können und ihm Kompetenzerleben zu ermöglichen.
  • Sie bittet ihn darum, dass er sich am nächsten Tag seinen neuen Mitschülern vorstellt und bespricht mit ihm einige Details. Dann erklärt sie, dass seine Mitschüler sich auch vorstellen werden. Und dass sie sich alle auf den neuen Schüler freuen.
  • Ziel dieses Treffens ist, dass der Schüler schon vieles darüber weiss, was man als Schüler in dieser Klasse wissen muss, um sich dort gut und erfolgreich einleben zu können. Klar wird die Lehrperson in den nächsten Tagen weitere ähnliche kurze Gespräche führen. Dazu lädt die Lehrperson auch den Lernpaten des neuen Schülers ein.
  • Es ist sinnvoll, mit dem am Gespräch anwesenden Übersetzer zu vereinbaren, dass er Wichtiges notiert und den Eltern seine Notizen mitgibt.

Weitere Anregungen

  • Die Lehrperson achtet vom ersten Schultag konsequent auf das, was der Schüler gut macht und meldet es ihm zeitnah und detailliert zurück. Dabei geht es natürlich auch darum, sozial angemessenes Verhalten zurückzumelden, wie z.B., dass der Schüler schon einige Klassenregeln gut einhält, oder in einer Kleingruppenarbeit gut mitmacht, oder beim Ruhe-Ritual ruhig ist usw.
  • Sie spricht ihn täglich persönlich an, fragt ihn zum Beispiel nach seinen Hobbies. Diese Gespräche sind kurz und drehen sich nicht um Schulisches. Sie haben das Ziel die Beziehung zum Schüler zu vertiefen.
  • Am Ende des ersten Schultags oder bereits der ersten Schulstunde fragt sie den Schüler: „Wie war dein erster Tag? Was war gut, was war schwierig?“ Sie erinnert ihn daran: „Wenn es ein Problem gibt, dann komme bitte gleich zu mir und sage es mir – oder du sagst es Daniel, deinem Lernpaten.“
  • Zum nächsten Gespräch lädt sie den Lernpaten ein und bedankt sich bei ihm für seine Hilfe. Sie spricht mit ihm auch einzeln, um ihn in seiner Tätigkeit gut unterstützen zu können.


Lesen Sie morgen im Perlen-Blog, wie die ersten Tage gestaltet werden.

Christoph Eichhorn arbeitet seit über 15 Jahren beim Schulpsychologischen Dienst Graubünden. Seine Schwerpunkte sind Classroom-Management und Lehrer-Gesundheit. Weitere Infos auf www.classroom-management.ch.

Literatur:
- Eichhorn, C., (2014): Die Klassenregeln. Guter Unterricht mit Classroom-Management. Klett-Cotta, Stuttgart.
- Eichhorn, C. (2016): Rituale in der Schule. https://www.meinunterricht.de/blog/rituale-schule-ruherituale-unterricht/
- Eichhorn, C. (2017): Classroom-Management: Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten. Klett-Cotta. 9. Aufl.
- Emmer, E., Sabornie (2015): Handbook of Classroom-Management. Routledge, 2015, 2. Aufl.
- Hennemann, T,. Hillenbrand, C. (2010): Klassenführung – Classroom-Management. In: Hartke, B., Koch, K., Diehl, K.: Förderung in der schulischen Eingangsstufe. Stuttgart, Kohlhammer.
- Wong, H., Wong, R. (2004): The First Days of School. How to Be an Effective Teacher. Mountain View, CA: Wong.

Bilder: (c) Fotolia, chombosan