Der Club der Neunundneunzig

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Es war einmal ein sehr trauriger König, der einen sehr glücklichen Diener hatte, der stets mit einem breiten Lachen auf seinem Gesicht umherging. „Page“, fragte ihn der König eines Tages, „welches ist das Geheimnis deiner Fröhlichkeit?“

„Ich habe kein Geheimnis, Herr, ich habe keinen Grund, traurig zu sein. Ich bin froh, dass ich Ihnen dienen kann. Mit meiner Frau und meinen Kindern wohne ich in dem Haus, das mir der Hof zur Verfügung gestellt hat. Ich habe Nahrung und Kleider und hin und wieder eine Münze als Trinkgeld.“

Der König rief den weisesten seiner Berater zu sich. „Ich will das Geheimnis der Fröhlichkeit des Pagen kennen!“
„Du kannst das Geheimnis seiner Zufriedenheit nicht kennen. Doch wenn du willst, kannst du es ihm entziehen.“
„Wie?“
„In dem du ihn in den Kreis der Neunundneunzig eintreten lässt.“
„Was bedeutet das?“
„Tu das, was ich dir sage ...“

Nach Anweisung des Beraters füllte der König einen Beutel mit neunundneunzig Goldmünzen und liess ihn dem Pagen mit folgender Nachricht überreichen: „Dieser Schatz gehört dir. Geniesse ihn und erzähle niemanden, wie du dazu gekommen bist.“

Der Page hatte noch nie so viel Geld gesehen und begann ganz aufgeregt die Goldstücke zu zählen: zehn, zwanzig, dreissig, vierzig, fünfzig, sechzig ...
neunundneunzig! Enttäuscht liess er den Blick über den Tisch gleiten, auf der Suche nach der fehlenden Münze. „Ich wurde bestohlen!“, schrie er. „Ich wurde bestohlen! Gauner!“

Er suchte erneut auf dem Tisch, am Boden, im Beutel, zwischen den Kleidern, in den Taschen, unter den Möbeln ... aber er fand nicht, was er suchte.

Auf dem Tisch lag ein Häufchen glänzender Münzen und erinnerte ihn daran, dass er neunundneunzig Goldmünzen besass. Nur neunundneunzig. „Neunundneunzig Münzen. Das ist viel Geld“, dachte er. „Aber mir fehlt eine Münze. Neunundneunzig ist keine vollständige Zahl“, sinnierte er. „Hundert ist eine vollständige Zahl, neunundneunzig nicht.“

Das Gesicht des Pagen war nicht mehr dasselbe. Es hatte tiefe Furchen und starre Gesichtszüge. Seine Augen waren zusammengepresst und sein Mund war zu einer schrecklichen Fratze verzogen und zeigte die Zähne.

Er berechnete, wie viele Jahre er arbeiten müsste, um die hundertste Münze zu verdienen, wenn auch seine Frau und seine Kinder mithalfen. Er kam auf zehn bis zwölf Jahre, das müsste gehen. Der Page war in den Kreis der Neunundneunzig eingetreten ...

Es verging nur wenig Zeit bis der König ihn entliess. Es war kein Vergnügen, einen Pagen um sich zu haben, der stets schlechter Laune war.

Bruno Ferrero, Qumran2
Bild: Pixabay, Taken