Wellenkreise

5 1 1 1 1 1 Ø Bewertung 5.00 (Gesamt Bewertungen: 5)


Wellenkreise

Vor langer Zeit gab es in einer Ecke des grünen, unbefleckten Landes einen kleinen blauen, klaren See. Der See war winzig, eher ein Weiher, doch der Himmel spiegelte sich in seinem reinen Wasser und verwandelte ihn in ein Schmuckstück, eingebettet im weichen Teppich der umliegenden Wiesen.

Die Sonne am Tag und der Mond und die Sterne bei Nacht gaben sich ein Stelldichein auf dem klaren Wasserspiegel. Die Trauerweide am Ufer, die Margeriten und das Gras auf den Hügeln bebten vor Freude über das Glanzlicht des Himmels, das die Erde berührte und diesen abgelegenen Winkel in ein kleine Paradies verwandelte.

Doch eines Tages erschien am Ufer des Weihers ein Schwarm schnatternder und laut schwatzender, fetter, selbstherrlicher Gänse. Ihr herrisches „Quak, quak“ und ihre kräftigen Schnäbel erschütterten die Ruhe des Himmelsspiegels.

Die Gänse waren praktische Wesen, sie kümmerten sich kein bisschen um das Gemurmel des Windes und um das Glänzen des klaren Wassers. Sie planschten gemeinsam in den Weiher und tauchten bis zu seinem Grund hinunter auf der Suche nach Nahrung. „Fressen und fett werden“, war ihre Devise. Sie plantschten, schwappten, verschmutzten und polterten.

Federn und Spritzer flogen in alle Richtungen. Krebse und Fischchen und alle Kleintiere, die im See lebten, verschwanden im Nu in den gefrässigen Schnäbeln der unersättlichen Gänse. Der feine Staub, der auf dem Grund lag, lockerte sich auf, verbreitete sich und trübte das Wasser.

Am Abend, als die Ruhe zwischen den Hügeln zurückkehrte, suchte der erste Stern vergeblich sein Haus auf der Erde. Der Mond konnte sein silbernes Antlitz nicht auf der Erde spiegeln. Der Weiher war nur noch eine ausgedehnte, schlammige, stinkende und leblose Brühe. Der Weiher war tot.

Der Wind brachte die Nachricht zu den Wolken und die Wolken überbrachten sie den Sternen. Zwischen den Blättern der Trauerweiden weinten die Rotkehlchen und die Lerchen. Nie mehr würde sich in dieser Ecke des Landes der Himmel spiegeln.

Bruno Ferrero, Qumran2
Bild: Pixabay, bella67