Die Kerze, die nicht brennen wollte

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Das hatte man noch nie gesehen: eine Kerze, die sich weigerte, angezündet zu werden. Alle Kerzen im Schrank schauderten. Eine Kerze, die sich nicht anzünden lassen wollte, war etwas Unerhörtes! In wenigen Tagen war Weihnachten und alle Kerzen waren erregt von der Idee, Hauptfiguren des Festes zu sein - mit ihrem Licht, mit ihrem Duft, mit der Schönheit, die sie ausstrahlen und allen weitergeben würden. Mit Ausnahme dieser jungen roten und goldenen Kerze, die unnachgiebig wiederholte: „Nein und nochmals nein! Ich will nicht brennen. Wenn wir angezündet werden, sind wir im Nu verbraucht. Ich will so bleiben, wie ich bin: elegant, schön und vor allem ganz.“

„Wenn du nicht brennst, ist das als ob du bereits tot wärst, ohne gelebt zu haben“, erklärte eine große Kerze, die schon zwei Weihnachten erlebt hatte.“ Du bestehst aus Wachs und dem Docht, aber das ist nichts. Erst wenn du brennst, bist du wirklich Du selbst und bist vollständig glücklich.“ „Nein, vielen Dank“, antwortete die rote Kerze. „Ich gebe zu, dass die Dunkelheit, die Kälte und die Einsamkeit schrecklich sind, doch das ist immer noch besser, als in einer brennenden Flamme zu leiden.“

„Das Leben ist nicht mit Worten zu beschreiben und man kann es durch Reden nicht verstehen, man muss es erleben“, fuhr die große Kerze fort. „Nur wer sich ganz einbringt, ändert die Welt und ändert sich gleichzeitig selber. Wenn du Einsamkeit, Dunkelheit und Kälte zulässt, werden sie die Welt einnehmen.“

„Willst du damit sagen, dass wir dazu da sind, die Kälte, die Finsternis und die Einsamkeit zu bekämpfen?“
„Sicher“, bekräftigte die große Kerze. „Wir brauchen uns auf, verlieren die Eleganz und die Farben, doch wir werden nützlich und wertvoll. Wir sind die Ritter des Lichts.“
„Aber wir verbrauchen uns und verlieren Form und Farbe.“
„Ja, doch wir sind stärker als die Nacht und das Eis auf der Welt“, schloss die große Kerze.

So liess sich auch die rote und goldene Kerze anzünden. Sie leuchtete aus ganzem Herzen in der Nacht und verwandelte ihre Schönheit in Licht, als ob sie ganz allein die Kälte und die Finsternis der Welt besiegen müsste. Ihr Wachs und ihr Docht brauchten sich langsam auf, doch das Licht der Kerze brannte noch lange weiter in den Augen und Herzen der Menschen, für die sie gebrannt hatte.

Quelle: Qumran2, Bruno Ferrero
Bild: Pixabay, geralt