Zwei Tropfen Öl

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Palast Pixabay Archbob

nach Paulo Coelho

Ein Kaufmann sandte einmal seinen Sohn zum Weisesten aller Weisen. Er sollte bei ihm das Geheimnis des Glücks lernen. Der Junge strich vierzig Tage lang durch die Wüste, bis er schliesslich zu einem wunderbaren Palast auf dem Gipfel eines Berges gelangte. Dort lebte der Weise, den der Junge suchte.

Doch er traf hier keinen Heiligen. Stattdessen trat unser Held in einen Saal, wo es hektisch und laut zu- und herging: Händler gingen ein und aus, man sah Menschen in Gruppen, die miteinander plauderten, ein kleines Orchester spielte süsse Melodien. Und es gab einen Tisch, der mit den feinsten Speisen aus der Region und aus der ganzen Welt gedeckt war. Der Weise unterhielt sich mit allen Anwesenden und der Junge musste zwei Stunden lang warten, bis er an der Reihe war und empfangen wurde.

Der Weise hörte ihm aufmerksam zu, als der Junge ihm den Grund seines Besuches darlegte, doch er sagte zu ihm, er habe im Moment keine Zeit, ihm das Geheimnis des Glücks zu erklären. Er riet ihm, einen Rundgang durch den Palast zu machen und in zwei Stunden wiederzukommen.

"Eine Bitte habe ich noch an dich", fuhr der Weise fort und überreichte dem Jungen einen Teelöffel, in den er zwei Tropfen Öl fallen liess. "Nimm diesen Löffel und trage ihn mit dir, ohne das Öl zu verschütten."

Der Junge begann, die Treppen im Palast hinauf und hinunter zu steigen und hielt dabei seine Augen fest auf den Löffel gerichtet. Pünktlich nach zwei Stunden kehrte er zum Weisen zurück.

"Nun", fragte ihn dieser, "hast du die persischen Wandbehänge gesehen, die sich in meinem Esssaal befinden? Haben dir die Gärten gefallen, die der Meister aller Gärtner während mehr als zehn Jahren angelegt hat? Hast du die schönen Schriftrollen in meiner Bibliothek angeschaut?"

Der Junge gestand beschämt, dass er nichts gesehen hatte. Seine ganze Aufmerksamkeit hatte den Öltropfen gegolten, die ihm der Weise anvertraut hatte und die er nicht verlieren durfte.

"Nun, dann geh nochmals zurück und betrachte die Wunderwerke in meiner Welt", sagte der Weise. "Du kannst einem Menschen nicht trauen, wenn du sein Haus nicht kennst."

Beruhigt nahm der Junge seinen Löffel und machte sich erneut auf, um den Palast zu durchstreifen; diesmal betrachtete er alle Kunstwerke, die an Wänden und Decken hingen. Er bemerkte die Gärten, die Hügel um sie herum, die Zartheit der Blumen, die Feinsinnigkeit, mit der jedes Kunstwerk seinem eigenen Platz zugeordnet war. Zurück beim Weisen erklärte er jedes Detail, das er gesehen hatte.

"Aber wo sind die beiden Öltropfen, die ich dir anvertraut habe?", fragte der Weise.

Jetzt bemerkte der Junge, dass er sie verloren hatte.

"Siehst du, das ist der einzige Rat, den ich dir geben kann", schloss der Weiseste der Weisen. "Das Geheimnis des Glücks besteht darin, alle Wunder der Welt zu sehen, ohne je die zwei Tropfen Öl im Teelöffel zu vergessen."

Quelle: Diapason
Bild: Pixabay, Archbob