Elternarbeit - Probleme in Entwicklungsziele umwandeln

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Eltern Fotolia Kudryashka


Sprechen Sie gemeinsam über die Vorteile für das Kind, wenn es sich für sein Entwicklungsziel engagiert:

Eltern und Kinder setzen sich am ehesten dann für ein Entwicklungsziel ein, wenn sie, beziehungsweise das Kind, persönliche Vorteile davon haben. Was soll also Jonas davon haben, wenn er lernt, seine Mitschülerin zu respektieren? Für Frau Schneider liegt das wahrscheinlich auf der Hand. Für seine Eltern vielleicht nicht. Sie sind eventuell noch darüber emotional aufgewühlt, dass sich Jonas so verhalten hat. Vielleicht schämen sie sich auch und fühlen sich insgeheim kritisiert - selbst wenn Frau Schneider das weder angedeutet noch gesagt hat.

Deshalb ist es hilfreich, wenn Sie mit allen Beteiligten darüber ins Gespräch

kommen, welche Vorteile für ein Kind entstehen, wenn es das von Ihnen vorgeschlagene Entwicklungsziel akzeptiert, bzw. welche Nachteile entstehen, wenn es das nicht tut.

 

Frau Schneider sagt: "Das haben natürlich alle Kinder aus der Klasse gesehen. Und viele hatten danach Angst vor Jonas und haben einen Bogen um ihn gemacht. Ich denke, es besteht die Gefahr. dass er sich in der Klasse selbst isoliert, wenn er so weiter macht. Hätte es für ihn nicht Vorteile, wenn er lernt, sich angemessener zu verhalten? Was meinen Sie?" Nach einer Pause fährt sie fort: "Ich bin davon überzeugt, dass er schneller Freunde findet, wenn er sich angemessen verhält. Und ist es nicht auch für seine Zukunft besser, wenn er schon heute damit anfängt, dies zu lernen? Sie wissen ja auch, wie das im Beruf so ist. Da muss man sich auch mal zurückhalten können."

Wenn eine Lehrperson für einen Schüler oder eine Schülerin ein Entwicklungsziel aufstellt, so hat es in der Regel mehrere Vorteile für den Betroffenen, wenn er sich dafür einsetzt. Es ist hilfreich, wenn sich die Lehrperson vor dem Elterngespräch die wichtigsten Vorteile kurz notiert, so dass sie im Gespräch mit den Eltern darauf hinweisen kann.

Fotolia 35771904 Kudryashka 3Prüfen Sie, ob die Eltern das von Ihnen vorgeschlagene Entwicklungsziel teilen:
Ein Gespräch mit Eltern, Kind und Ihnen wird erst dann erfolgreich verlaufen, wenn sie zu einer gemeinsamen Sicht der Dinge gelangt sind. Das heisst, dass sich die Eltern dem von Ihnen für das Kind vorgeschlagenen Entwicklungsziel zumindest ein Stück weit anschliessen. Sie dürfen nicht voraussetzen, dass Eltern automatisch Ihre Ansicht teilen. Selbst wenn es für das von Ihnen vorgeschlagene Entwicklungsziel, aus Ihrer Sicht, keine Alternativen gibt.

In unserem Fallbeispiel könnten die Eltern beispielsweise der Ansicht sein, das Problem läge nicht bei Jonas, sondern auf der Seite der Lehrperson. Wie ist das möglich? Ganz einfach. Die Eltern könnten sagen: "Sie haben die Klasse nicht im Griff, sonst wäre das nicht passiert. Bei Ihrem Vorgänger gab es diese Probleme nicht." Selbst wenn es bei ihm diese Probleme schon ein Dutzend Mal gegeben hatte, so zeigt diese Antwort, dass noch keine gemeinsame Gesprächsbasis zwischen Lehrperson und Eltern vorhanden ist. Auf diesem Hintergrund ist es sinnlos, weiter darüber zu sprechen, was jeder tun könnte, damit Jonas sein Entwicklungsziel erreicht.

Jetzt ist allerdings die Versuchung gross, als Lehrperson in die "Wer-hat-Recht-Falle" oder in die "Verteidigungs-Falle" zu geraten. In diesem Fall würde die Lehrperson beispielsweise antworten: "... das stimmt nicht, letztes Jahr gab es diese Probleme auch schon." Das würde dann in eine Pingpong-Spirale von Angriffen, Gegenangriffen und Verteidigungen führen.

Was wäre stattdessen besser?

  • Die Lehrperson lässt die Aussage der Eltern einfach stehen.
  • Und sie bittet die Eltern weiter um ihre Kooperationsbereitschaft.

Frau Schneider sagt: "Vielen Dank für diesen Hinweis. Wären Sie trotzdem bereit, dass wir zusammen darüber nachdenken, wie wir Jonas am besten helfen können?" Natürlich erwartet sie nicht, dass jetzt die Eltern begeistert "ja, sicher" sagen. Vermutlich sagen diese gar nichts. Sie sind nämlich überrascht, weil sie mit dieser Reaktion der Lehrperson gar nicht gerechnet haben. Sie hatten erwartet, dass sich die Lehrperson verteidigen oder sie als Eltern angreifen würde.

Bei derartigen Provokationen von Eltern sollte man also erstens höflich bleiben und zweitens an seinem Ziel, mit den Eltern zu einer Kooperationsbeziehung zu kommen, festhalten. Frau Schneider hat jetzt Zeit, weitere kooperationsstiftende Fragen zu stellen, wie: "Was meinen Sie, wie können wir Jonas motivieren, sich anders zu verhalten?" oder "Wäre es aus Ihrer Sicht besser, wenn ich, falls das wieder vorkommen sollte, ein solches Verhalten einfach durchgehen lasse, oder meinen Sie, es wäre sinnvoll, entschieden zu reagieren?"

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Ziel dieses Gesprächs ist nicht unbedingt, dass die Eltern besondere Lösungsvorschläge machen oder zu Hause spezielle Massnahmen ergreifen. Damit sind sie vermutlich überfordert. Ziel ist vielmehr, dass Frau Schneider die Eltern für ihr weiteres Vorgehen gewinnt. Das könnte zum Beispiel eine Wiedergutmachung im Sinne von Ben Furman sein. Wichtig ist, dass Frau Schneider dann Jonas' Eltern hinter sich weiss. Warum?

Fotolia 35771904 Kudryashka 4Sonst könnte Jonas nämlich zu Hause gegen Frau Schneider Stimmung machen. Das ist für Schülerinnen und Schüler, die im Ausspielen von Eltern und Lehrperson nur etwas Geschick haben, ein Kinderspiel. Denn die Schülerinnen und Schüler haben zu Hause das Informationsmonopol. Sie können über die Schule und die Lehrperson fast alles erzählen, was sie wollen. Denn fast alle Eltern neigen automatisch dazu, ihrem Kind zu glauben.

Loben Sie die Eltern und seien Sie grosszügig mit Komplimenten:
Die Eltern werden eher mit der Lehrperson zusammenarbeiten, wenn sie ihnen positive Rückmeldung gibt, wie zum Beispiel "... ich bin sehr froh darüber, dass Sie mir das mitgeteilt haben" oder "... das finde ich einen interessanten Aspekt, den Sie da ansprechen" oder "... das, was Sie über Jonas gesagt haben, hilft mir dabei, ihn besser zu verstehen, vielen Dank" oder am Schluss "... danke für Ihr Vertrauen, das Sie mir entgegengebracht haben".

Weitere Termine vereinbaren:
Wenn sich Frau Schneider und die Eltern auf ein Entwicklungsziel für das Kind geeinigt haben, ist die Basis für weitere Fortschritte gelegt. Allerdings ist auch jetzt noch viel Arbeit im Detail nötig, bis das Kind sein Entwicklungsziel tatsächlich erreicht hat. Wie viel Ausdauer jetzt noch nötig ist, unterschätzen auch Profis immer wieder.

Elternarbeit als Schulentwicklungsarbeit.
Elternarbeit ist zentraler Bestandteil des Lehrerberufs. Und kein Anhängsel. Das sollten auch die Verantwortlichen für Schule und Bildung berücksichtigen und die für eine qualitativ hochstehende Elternarbeit erforderlichen strukturellen Voraussetzungen, wie beispielsweise ausreichendes Zeitbudget und entsprechende Aus- udn Fortbildungsangebote, zur Verfügung stellen.


Das war der letzte Teil der Reihe Eltern - die wichtigsten Partner der Lehrpersonen, die uns Christoph Eichhorn zur Verfügung gestellt hat. Ganz herzlichen Dank dafür.

Unser Gastautor arbeitet beim Schulpsychologischen Dienst Graubünden, wo er sich unter anderem seit vielen Jahren mit Lernen und Lern-Coaching befasst. Weitere Infos auf www.classroom-management.ch.

Literatur

  • Eichhorn, C. (2012): Classroom-Management: Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten.
    Klett-Cotta. 7. Aufl.
  • Eichhorn, C. (2011): Bei schlechten Noten helfen gute Eltern. Klett-Cotta.
  • Furman, B. Stufen der Verantwortung (A)


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