Eltern - Wie kommen Lehrpersonen zu einer guten Elternkooperation?

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Eltern Fotolia Kudryashka


Zweiter Teil des Gastbeitrages über Elternarbeit von Christoph Eichhorn.

Die folgenden Vorschläge dienen als Anregungen. Sie müssen natürlich in der Praxis an die jeweiligen Gegebenheiten adaptiert werden.

So geht Frau Schneider vor:

Sie stellt sich den Eltern sofort zu Beginn des Schuljahres schriftlich vor.
"Ich möchte mich in den nächsten Tagen gerne mit Ihnen treffen, um Sie darüber zu informieren, was meine Schülerinnen und Schüler während der ersten Wochen lernen werden. Sie kennen (Name des Kindes) am besten und haben die meiste Erfahrung im Umgang mit ihm. Vielleicht gibt es etwas, das Sie mir mitteilen möchten, damit ich ... in der Klasse von Beginn an gut unterstützen kann.


Ihnen ist sicher wichtig, dass ... in der Schule gut lernt und Fortschritte machen kann. Das ist auch mein Ziel. Sie wissen auch, dass alle Schülerinnen und Schüler in der Schule besser lernen, wenn während des Unterrichts niemand stört und alle gut aufpassen. Darüber möchte ich mich gerne mit Ihnen austauschen. Ich werde Sie in den nächsten Tagen anrufen, damit wir uns treffen können. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Vielen Dank für Ihr Entgegenkommen."

 

Fotolia 35771904 Kudryashka 3Das erste Elterngespräch.
Vor allem bei den Eltern, mit denen die Zusammenarbeit schwierig werden könnte, vereinbart Frau Schneider möglichst innerhalb der ersten zwei Wochen ein erstes Treffen. Es dauert etwa 20 bis 30 Minuten. So geht sie vor:

  • Sie bedankt sich für das Treffen und stellt sich kurz vor.
  • Sie informiert die Eltern kurz über das während der ersten Wochen geplante Curriculum.
  • Sie fragt die Eltern, ob sie ihr etwas über ihr Kind berichten möchten, was für die Schule von Bedeutung ist und was ihr dabei hilft, ihr Kind im Unterricht besser zu unterstützen.
  • Sie spricht das Thema Regeln an, und zwar zuerst im Hinblick darauf, an welche Regeln sie sich selbst hält.
  • Dann stellt sie den Eltern die Klassenregeln mündlich und schriftlich vor.
  • Sie bespricht mit den Eltern mögliche Informationswege wie Telefon, Mail usw.
  • Sie überreicht den Eltern folgende schriftliche Informationen: ihren Namen, ihre Telefonnummer und Mailanschrift, eine Aufstellung der Regeln, an die sie sich selbst hält und die Klassenregeln.
  • Am Schluss des Gesprächs bittet sie die Eltern darum, sich an sie wenden zu dürfen, falls dies, aus welchen Gründen auch immer, wichtig wäre: "Ich möchte Sie gerne anrufen, wenn ich Ihre Unterstützung brauche. Sind Sie damit einverstanden?"

Dieses erste Treffen mit den Eltern gleich zu Beginn des Schuljahres dient nicht nur einer ersten Kontaktanbahnung mit den Eltern. Die Lehrperson kann ihren Unterricht besser an die Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler ankoppeln, wenn sie möglichst frühzeitig weiss, ob z.B. ein Kind ADHS hat, wie gut seine Deutschkenntnisse sind, ob es mit seinen Hausaufgaben Schwierigkeiten hat, ob die Eltern bildungsfern sind und nur über geringe Deutschkenntnisse verfügen oder ob sie besonders ehrgeizige Bildungsziele für ihr Kind haben usw.

Fotolia 35771904 Kudryashka 4Mit Eltern über Regeln sprechen.
Die Klassenregeln sind zwar ein zentraler Baustein guten Unterrichts, aber die Lehrperson kann sie gerade bei einem auffälligen Kind kaum umsetzen, wenn dessen Eltern nicht dahinter stehen. Darum ist gerade bei den Elterm das Gespräch über Regeln von besonderer Bedeutung,

  • die Regeln grundsätzlich kritisch gegenüberstehen, weil sie meinen, sie könnten die Kreativitätsentwicklung ihres Kindes einschränken,
  • denen es zu Hause selbst schwer fällt, Regeln zu etablieren und umzusetzen,
  • deren Kind sich in der Schule auffällig verhält.

Wenn es der Lehrperson gelingt, die Eltern in Bezug auf Klassenregeln hinter sich zu bringen, dann steigert sie ihren Einfluss auf die Schülerinnen und Schüler. In der Klasse herrscht mehr Ordnung, die Kinder lernen mehr und Unterrichten macht mehr Freude.

Bevor Frau Schneider mit den Eltern über die Klassenregeln spricht, teilt sie ihnen zunächst mit, welche Regeln für sie selbst bindend sind. Damit vermittelt sie,

  • dass sich nicht nur ihre Schülerinnen und Schüler an Regeln halten müssen, sondern dass sie selbst bereit ist, das zu tun, was sie von anderen einfordern wird;
  • dass sie bereit ist, sich an klaren Standards messen zu lassen;
  • Souveränität und Sicherheit.

Sie demonstriert dabei indirekt, dass es ohne Regeln nicht geht: Denn warum hätte sie sich sonst selbst Regeln auferlegen sollen? Regeln, an die sich die Lehrperson hält, könnten z. B. sein:

  • Ich behandle euch mit Respekt.
  • Ich sorge für ein gutes Lernklima.
  • Ich bin bereit, die Aufgaben so lange zu erklären, bis sie jeder und jede verstanden hat.

Warum braucht es Regeln?
Fotolia 35771904 Kudryashka 1An den Zielen und Werten der Eltern ankoppeln.
Die Lehrperson kann den Sinn von Regeln am besten erklären, wenn sie an den Zielen und Werten ankoppelt, die die Eltern für ihr Kind in der Schule haben. Die Hauptziele fast aller Eltern für ihr Kind sind,

  • dass es in der Schule erfolgreich ist,
  • dass es eine gute Beziehung zur Lehrperson hat,
  • dass es mit seinen Klassenkameraden gut auskommt.

Frau Schneider sagt im Elterngespräch: "Ihnen ist doch sicher wichtig, dass ... in der Schule gut lernt und Fortschritte machen kann. Sie wissen auch, dass er mehr Fortschritte in der Klasse macht, wenn er während des Unterrichts nicht gestört wird und gut aufpassen kann. Wenn aber 20 Kinder in einer Klasse zusammen sind und es keine klaren Regeln gibt, an die sich alle halten, dann geht es schnell mal drunter und drüber. Klar, dass dann auch niemand richtig lernen kann. Ich lege deshalb grossen Wert auf Regeln, weil es dann in der Klasse leiser ist, weil weniger gestört wird und alle besser lernen können.  Haben Sie Anregungen dazu?"

Mit diesem Vorgehen punktet sie nicht nur bei bildungsfernen Eltern oder bei denen, deren Kinder "schwierig" sind. Sondern damit beeindruckt sie auch die Eltern, die höchste Ansprüche an die Schulkarriere ihrer Kinder stellen.

Positive Rückmeldung an die Eltern bevor die ersten Probleme auftreten.
Fotolia 35771904 Kudryashka 2Eltern wollen stolz auf ihr Kind sein. Sie sind deshalb besonders empfänglich für positive Nachrichten über ihr Kind. Das gilt ganz besonders auch für Eltern "schwieriger" Kinder oder bei "schwierigen" Eltern. Gerade diese Gruppe von Eltern hat aber oft eine Vergangenheit hinter sich, in der sie von Seiten der Schule bereits viel Kritik über ihr Kind vernehmen musste. Und sie befürchtet, meist ja gar nicht zu Unrecht, dass es in Zukunft weitere Kritik von Seiten der Schule geben wird. Eine oft starke Identifikation mit ihrem Kind sorgt allerdings dafür, dass diese Eltern Kritik an ihrem Kind so erleben, als würden sie selbst kritisiert. Auch das macht Elternarbeit so anspruchsvoll.

Gerade bei "schwierigen" Schülerinnen und Schülern bleibt der Lehrperson aber schnell kaum etwas anderes übrig, als auf die Eltern zuzugehen und wieder Kritik am Verhalten des Kindes zu äussern. Damit erfüllen sich die schlimmsten Befürchtungen der Eltern. Kein Wunder, wenn sich diese Eltern unkooperativ verhalten.

Wie die Lehrperson es gar nicht so weit kommen lässt, lesen Sie nächste Woche im dritten Teil dieser Reihe.


Diese interessanten Ausführungen zur Elternarbeit stellt uns Christoph Eichhorn zur Verfügung. Unser Gastautor arbeitet beim Schulpsychologischen Dienst Graubünden, wo er sich unter anderem seit vielen Jahren mit Lernen und Lern-Coaching befasst. Weitere Infos auf www.classroom-management.ch.

Literatur

  • Eichhorn, C. (2012): Classroom-Management: Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten.
    Klett-Cotta. 7. Aufl.
  • Eichhorn, C. (2011): Bei schlechten Noten helfen gute Eltern. Klett-Cotta.
  • Furman, B. Stufen der Verantwortung (A)


Bilder:
 
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