Der König, der sterben musste

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Malcolm III and Queen Margaret from the Seton Armorial 1591Es war einmal ein König, der sterben musste. Er war ziemlich mächtig, doch er war todkrank und fragte sich verzweifelt: "Wie ist das möglich, dass ein so mächtiger König sterben muss? Was ist los mit meinen Weisen? Warum retten sie mich nicht?"

Doch die Weisen waren geflohen, weil sie fürchteten, geköpft zu werden. Nur ein einziger war zurückgeblieben, ein alter Weiser, auf den niemand hörte, weil er etwas verschroben und vielleicht sogar etwas verrückt war. Schon seit vielen Jahren hatte ihn der König nicht mehr um seinen Rat gefragt, doch jetzt liess er ihn rufen.

"Du kannst gerettet werden", sagte der Weise, "unter einer Bedingung: Du sollst für einen Tag deinen Thron einem Menschen überlassen, der dir mehr als alle anderen gleicht. Der Doppelgänger wird dann an deiner Stelle sterben."

Sogleich erging an das ganze Königreich die Bekanntmachung: Jeder, der so

aussieht wie der König, präsentiere sich in den nächsten 24 Stunden im Königshaus. Wer diesem Aufruf nicht folgt, bezahlt mit dem Leben.

 

Viele Leute kamen; einige trugen einen Bart, der gleich lang war, wie der des Königs, bei anderen war die Nase ein klein wenig länger oder kürzer - der Weise schloss sie alle aus. Andere glichen dem König wie eine Orange der anderen im Korb eines Früchteverkäufers, doch der Weise schickte sie weg, weil sie eine Zahnlücke oder einen Leberfleck am Rücken hatten.

"Aber du scheidest ja alle aus!", protestierte der König. "Lass es mich mit einem von ihnen versuchen, als Anfang."

"Das wird dir nichts nützen", antwortete der Weise.

Am Abend, als der König und der Weise auf dem Schutzwall der Stadt spazierten, rief der Weise plötzlich: "Das ist er! Das ist der Mann, der dir mehr als alle anderen gleicht!" Und er zeigte auf einen Bettler, der verkrüppelt, bucklig, halb blind, schmutzig und mit ganz und gar verkrusteter Haut am Strassenrand sass.

"Aber wie kann das sein?", protestierte der König, "zwischen ihm und mir ist ein tiefer Abgrund."

"Ein König, der sterben muss", insistierte der Weise, "gleicht nur noch dem Ärmsten, dem Unglücklichsten in der ganzen Stadt. Schnell, tausche deine Kleider für einen Tag mit seinen, setze ihn auf den Thron und du wirst gerettet sein."

Doch der König wollte auf keinen Fall zugeben, einem Bettler ähnlich zu sein. Er kehrte ganz verärgert in seinen Palast zurück, wo er am selben Abend starb - mit der Krone auf dem Kopf und dem Zepter in der Hand.


Gianni Rodari (1920-1980), via Diapason 
Bild: Wikimedia Commons, Franzy89