95 Thesen über die Schule

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Schule Thesen

Annamaria Testa, Lehrbeauftragte an der Wirtschaftsuniversität in Mailand, hat 95 Thesen über die Schule nicht etwa an die Türen der Regierung geheftet, sondern in ihrem Blog Nuovo e Utile veröffentlicht. Die 95 Thesen werden von Lehrenden, Eltern und Schülern mit grossem Interesse diskutiert. Da sie - genau wie Martin Luthers Thesen - international Gültigkeit haben, habe ich sie übersetzt und Sie können die interessanten Gedanken hier in deutscher Sprache lesen:

  1. Die Kinder sollen sich in der Schule nicht langweilen. Wer sich langweilt, lernt nichts.
  2. Das Gegenteil von "sich in der Schule nicht langweilen" ist nicht etwa "Spass haben". Es ist "interessiert sein".
  3. Das Interesse wird geweckt durch neue, komplexe aber verständliche Inhalte: durch eine schwierige Herausforderung, die jedoch gemeistert werden kann.
  4. Jedes Thema kann interessant gestaltet werden. Doch man muss daran arbeiten.
  5. Nenne mir einen überzeugenden Grund, weshalb ich mich für das Thema interessieren sollte und ich werde Interesse zeigen.
  6. Die Begründung darf nicht lauten sonst bekomme ich eine schlechte Note. Schlechte Noten sind eine unblutige Version von körperlicher Züchtigung.
  7. Die Noten messen (vielleicht), doch sie motivieren nicht zum Lernen.
  8. Also: Die Noten können eine extrinsische Motivation sein. Die intrinsische Motivation ist fruchtbarer.
  9. In Finnland gibt es bis zum 13. Lebensjahr keine Noten und die finnischen Schüler sind hervorragend.
  10. Zur Schule gehen, um gute Noten zu erreichen, ist wie in ein Konzert gehen, um eine Eintrittskarte zum Rahmen und Aufhängen zu bekommen.
  11. Die nationalen und internationalen Vergleichstests sagen nichts aus über individuelle Leistungen, sie messen nur die Gesamtleistung und sind daher ein Maxi-Thermometer für die Schule.
  12. Die Ergebnisse des Maxi-Thermometers sind unbefriedigend? Kein Grund, sie wegzulegen und auf die gleiche Art weiterzumachen.
  13. Das Lernen ist ein komplexer Prozess, bestehend aus Wahrnehmung, Verstand, Gefühlen, Gedächtnis, Strategien, Erfahrung, Umgebung, Selbstachtung usw.
  14. Daher ist Lehren viel mehr als blosses "Sagen" oder "Erklären".
  15. Das "Wie" des Lehrens ist genau so wichtig, wie der Inhalt. Das Wie macht den Unterschied aus.
  16. "Lehren" bedeutet auch "Lehren zu lernen", das Zauberwort heisst Metakognition.
  17. "Passt auf!" ist eine paradoxe Aufforderung, etwa so wie "Seid spontan!"
  18. Was ich höre, vergesse ich, was ich sehe, behalte ich, was ich tue, verstehe ich.
  19. Ein Thema ist wie eine Stadt. Gib mir einen guten Stadtplan und hilf mir, sie zu entdecken.

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  20. Es wäre schön, im Klassenraum mehr Kinderstimmen zu hören.
  21. Es gibt Möglichkeiten, die Kinder zum Sprechen zu bringen, ohne dass sich das Klassenzimmer in einen Fischmarkt verwandelt.
  22. Die Schüler verstehen schneller und besser, wenn sie Fragen stellen oder über ein Thema diskutieren können.
  23. Laut lesen ist nicht eine Angelegenheit für kleine Kinder. Es dient dazu, den Textfluss richtig wahrzunehmen.
  24. Selbst geschriebene Texte laut vorzulesen ist eine gute Methode, um zu lernen, den Sinn dahinter zu finden und sie zu überarbeiten. Es ist nicht nur eine Angelegenheit für kleine Kinder.
  25. Einen schönen Text auswendig zu lernen ist nicht eine Angelegenheit für kleine Kinder.
  26. Im Gegenteil: Viele Dinge - vom Einmaleins bis zu Vokabeln - müssen wohl oder übel auswendig gelernt werden. Alle anderen Dinge, die man zuerst nicht richtig versteht, lernt man nicht wirklich, sondern pinnt sie sich an.
  27. Wenn ich nur für die Prüfung lerne, ist es klar, dass ich anschliessend alles wieder vergesse und Amen.
  28. Die Basiskompetenzen sind: lesen, schreiben, rechnen. Lesen bedeutet verstehen, was man liest. Heute schaffen das zwei von drei Personen nicht wirklich.
  29. Wir möchten, dass die Kinder von der Mathematik begeistert sind? Lassen wir sie mit Zahlen spielen!
  30. ... und wenn sie älter sind: Beispiele, Fragen, Diskussionen, Herausforderungen.
  31. Laden wir die Kinder täglich zu ihrem eigenen Vergnügen zum Lesen ein (egal was, auch Comics).
  32. Nein! Unlust ist kein geeigneter Zündstoff, um einen schwachen Leser zu fesseln.
  33. Zu erwarten, dass mit einer Textanalyse der Zauber einer Erzählung bewusst gemacht werden kann, ist als ob man einen Anatomen bitten würde, den Sex-Appeal von Marilyn Monroe zu erklären.
  34. Merk auf und präg mein Wort in deinen Geist! Nie kann Gehörtes dir die Zeit vernichten, wenn du es dauernd zu behalten weisst", sagt Dante in seiner Göttlichen Komödie. (Übersetzung)
  35. Minutiöse, peinlich genaue Schulbücher zu schreiben oder zu verwenden ist abstrus und sadistisch.
  36. Aus minutiösen, peinlich genauen Schulbüchern zu lernen ist eine Qual.
  37. Sag weder zu viel noch zu wenig. Sag das Richtige. Sei sachlich. Sei klar, nicht mehrdeutig, kurz, ordentlich", sind die Maximen von Paul Grice. Sie gelten auch für Schulbücher.
  38. Bevor wir uns fragen, wie viel ein Schulbuch kostet, fragen wir uns, wie viel es wert ist, wie dienlich es ist, wie viel es gebraucht, verstanden und erinnert wird.
  39. Das Whiteboard ist ein Mittel, nicht ein Zweck und kein Ersatz für eine gute Lehrperson. Doch es ist hilfreich.
  40. Die Hausaufgaben sind kein Mittel, um aufzuholen, was ich in der Schule nicht gemacht habe.
  41. Gib mir keine Hausaufgaben, wenn du nicht auch kontrollierst, ob ich sie gemacht habe.
  42. Gib mir keine Hausaufgaben, ohne mir zuerst zu erklären, wie ich mich organisieren soll.
  43. ... und dann erkläre es mir nochmals. Wenn ich lerne zu lernen, hilft mir das fürs ganze Leben.
  44. Lass mich deshalb mehr in der Schule arbeiten als zu Hause.
  45. Wenn ich in der Schule zu wenig arbeite, werde ich zu Hause überhaupt nichts tun.
  46. ... und lass mich nicht alleine zu Hause alle diese langweiligen Dinge tun.
  47. Erlaube mir von Zeit zu Zeit zu sagen, dass ich nicht gelernt habe. Aber verpflichte mich, es nachzuholen.

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  48. Schliessen wir zu Beginn jedes neuen Jahres einen Pakt mit den Kindern - auch mit den kleineren: Einige wenige. Klare. Schriftlich. Und mit der Verpflichtung, sie einzuhalten.
  49. Ermutigen wir die Kinder, ehrlich zu sein und nicht zu mauscheln.
  50. Abschreiben ist mauscheln.
  51. Und das Copy Paste aus dem Internet ist nicht viel besser.
  52. Üben wir mit den Schülern das kritische Auge bezüglich der Quellen zu schärfen.
  53. Lehrer zu sein ist ein im höchsten Mass frustrierender, befriedigender und komplizierter Beruf.
  54. Ein zivilisiertes Land sollte seine Lehrpersonen begeistert anfeuern und hinter ihnen stehen.
  55. "Eine Investition in Wissen bringt noch immer die besten Zinsen", sagte Benjamin Franklin.
  56. Wie gewinnen wir die besten Talente für den Lehrerberuf? Es gibt ein einfaches finnisches Rezept: soziale und finanzielle Anerkennung.
  57. Ein zivilisiertes Land muss seine Lehrpersonen angemessen entlohnen.
  58. ... doch bei uns sind die Gehälter tief und die Unterschiede zwischen Anfang und Ende der Laufbahn sind gering.
  59. ... trotzdem sind die Ausgaben pro Schüler hoch: Woran liegt das?
  60. Das Schulprogramm ist keine Bibel. Jede Klasse, jede Schule hat eine eigene Geschichte und braucht eine gewisse Autonomie.
  61. ... doch sie funktioniert nur, wenn die Ziele klar messbar sind und wenn die Ergebnisse gewertet werden. Das ist der Unterschied zwischen Autonomie und Anarchie.
  62. Die Autonomie fordert reale, wirksame, häufige Kontrollen über das ganze Land verteilt.
  63. Um ein Schulsystem zu verbessern genügen zehn Jahre. Deutschland hat es vorgemacht.
  64. Um die Leistungen der Schüler zu verbessern, braucht es noch weniger Zeit. In Japan ist es gelungen.
  65. Wenn sich nichts ändert, kann sich nichts verbessern.
  66. Die Probleme lösen sich nicht, indem man alte Verfahren aufsetzt, aber indem man neue Möglichkeiten findet.
  67. Die Schule ist kein Betrieb. Das berechtigt sie aber nicht, unstrukturiert und ineffizient zu sein.
  68. Wollen wir den Verdienst erhöhen? Beginnen wir mit den Schulleitungs- und Lehrpersonen.
  69. Viele Lehrpersonen verändern schon jetzt vieles zum Guten. Vielleicht werten wir sie auf?
  70. Der "Pädagogist" zum Beispiel, fruchtlos und inhaltsleer, lässt Lehrer Manzi sich im Grab umdrehen (Alberto Manzi, italienischer Lehrer, 1924-1997).
  71. Der klapprige Bürokrat bringt die Heilige Grammatika zum Weinen und versetzt Sankt Menschenverstand in Wut.
  72. Alle Schüler sind gleichwertig und verdienen kompetente Lehrpersonen in allen Fächern (natur- und geisteswissenschaftliche, künstlerische, technologische usw.).
  73. Bilden bedeutet, die Fähigkeiten jedes einzelnen Schülers aufzuspüren und zu würdigen.
  74. Bilden ist nicht dasselbe wie gleich machen.
  75. Lass mich neugierig sein. Zwinge mich nicht dazu, gefällig zu sein.
  76. Die Schule fordert ein Lernen ohne Fehler. Die Kreativität fordert ein Lernen durch Fehler.
  77. Die Schule lehrt Standardantworten. Die Kreativität stellt Fragen andersherum, um neue Antworten zu finden.
  78. In nächster Zukunft werden Berufe ausgeübt, die es heute noch nicht gibt.
  79. Was immer ich in Zukunft machen werde, ich werde mein ganzes Leben lang dazulernen müssen. Gib mir keine Kenntnisse, die obsolet werden; gib mir Methoden.
  80. Also: "Schenke mir keine Fische, sondern lehre mich zu fischen."
  81. Die Schule kann sich nicht ändern ohne die Unterstützung durch die Familien.
  82. Wer seine Kinder zum Lesen bringen möchte, der lese ihnen von klein auf Geschichten vor.
  83. Wer aus seinen Kindern gute Schüler machen will, sollte viele Bücher zu Hause haben.

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  84. Dem Mangel an Toilettenpapier in der Schule entgegenzuwirken, genügt nicht.
  85. ... und es reicht nicht, die (dringend notwendigen) Unterhaltsarbeiten an den Schulhäusern vorzunehmen.
  86. (Bezeichnenderweise wurde ein Spot für öffentliche Schulen des Bildungsminsiteriums in den Räumen einer Privatschule - der Deutschen Schule in Mailand - gedreht.)
  87. Viele Schüler verlassen die Schule am Ende ihrer Schulpflicht. Wer die Schule frühzeitig verlässt, bleibt ständig ein "halbierter Bürger".
  88. Überdruss und Routine zerbrechen die besten Schüler genauso wie jene, die mehr Mühe haben.
  89. "Leistung belohnen" und "Bildung für alle" sind ergänzende Ziele, keine Gegensätze.
  90. Zum Wohl unserer Kinder müssen wir gut vorbereitete und entschlossene Lehrpersonen fordern.
  91. Es ist ein Fehler, Geduld zu verlangen. Richtig ist es, Gerechtigkeit, Strenge, Kompetenz, Leidenschaft zu fordern.
  92. Ja, es gibt auch schlecht erzogene Kinder. Und ja, dafür tragen die Familien die Verantwortung.
  93. Die Schule ist ein Recht mit zwingenden Pflichten: Es gibt kein Wachstum ohne Verantwortung.
  94. Die Schule geht uns alle an. Sehr. Sehr. Sehr.
  95. Ich gehe nicht zur Schule für ein Blatt Papier, sondern für ein Stück Zukunft.

Diese Thesen beziehen sich auf die Schule in Italien. Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit unserem Schulsystem sind rein zufällig, doch ein Nachdenken darüber ist beabsichtigt.

Die 95 Thesen zum Ausdrucken als PDF.Bilder: Pixabay, The Graphics Fairy, Morgue File