Kinder mit besonderen Bedürfnissen: Elterngespräche

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In allen meinen Klassen gibt es Schülerinnen oder Schüler, deren Leistungen unter dem Durchschnitt liegen, die ihre Lernziele nicht erreichen. Es sind Kinder, die wir gezielt fördern wollen, Kinder mit besonderen Bedürfnissen.

Für den Förderprozess gibt es klare Abläufe und hilfreiche Instrumente. Ein wichtiger Teil dieses Ablaufes ist das Gespräch mit den Eltern des betroffenen Kindes. Wie wir alle wissen, sind Elterngespräche über Lernschwächen oft schwierige Gespräche, bei denen beide Seiten das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden.

 

Elterngespr6Für uns Lehrpersonen ist es wichtig, daran zu denken, dass die Eltern des Kindes einen schmerzlichen Prozess durchlaufen. Es ist für sie ein Verlust - sie trauern um das Kind, wie sie es vor Augen hatten.

In einem interessanten Beitrag auf Teach123 wird dieser Prozess, den die Eltern durchmachen, mit den fünf Phasen der Trauer von Elisabeth Kübler-Ross verglichen.

 

 

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Phase 1: Nichtwahrhabenwollen kann in verschiedenen Formen auftreten.

"Mein Kind hat keine Lernschwäche. Es hat einfach nicht den richtigen Lehrer."

"Mein Kind hat keine Lernschwäche. Die Lehrerin ist zu jung und kommt gar nicht richtig an mein Kind heran."

"Mein Kind hat keine Lernschwäche. Mein Kind braucht eine besser strukturierte Umgebung, damit es ordentlich lernen kann."

"Mein Kind hat keine Lernschwäche. Öffentliche Schulen sind nicht geeignet für mein Kind. Ich will, dass es eine andere Schule besucht."

"Mein Kind hat keine Lernschwäche. Der Lehrer meines Kindes hasst Jungen."

"Mein Kind hat keine Lernschwäche. Die Lehrerin meines Kindes sollte in Pension gehen. Sie ist ausgebrannt."

 

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Phase 2: Zorn kann sich auf verschiedene Beteiligte richten.

Am Anfang richtet er sich normalerweise gegen die Lehrperson. "Ich spreche mit der Schulleitung. Ich will, dass mein Kind die Klasse wechselt."

Dann richtet er sich (manchmal) auf das Kind. "Du hast in der Schule nur Dummheiten im Kopf." - "Du solltest dir mehr Mühe geben!"

Manchmal beschuldigen sich die Eltern gegenseitig. "Mein Mann ist oft auf Reisen / arbeitet bis spät in die Nacht." - "Wenn ich nicht arbeiten müsste, hätte ich mehr Zeit, die ich mit meinem Kind verbringen könnte." - "Wenn die Scheidung nicht gewesen wäre, wäre es nie so weit gekommen."

Es kommt sogar vor, dass die Grosseltern einbezogen werden. "Er darf dort zu viel fernsehen." - "Sie bekommt dort zu viele Süssigkeiten."

 

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Phase 3: Die meisten Eltern versuchen es auch mit Verhandeln.

Sie versuchen aufzuzeigen, dass das Kind Fortschritte gemacht hat.

Sie kennen jemanden, der dem Kind Nachhilfeunterricht geben kann. "Danach wird es gleich besser werden."

Hier muss an die Verantwortung der Eltern appelliert werden. Alle Arbeiten, die das Kind zur Unterschrift nach Hause bringt, müssen von den Eltern genau angeschaut werden.

 

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Phase 4: Depression

Wenn sie die Arbeiten des Kindes genau kontrollieren, erkennen die Eltern schwarz auf weiss, dass

  • ihr Kind wirklich versucht, sein Bestes zu geben
  • sie ihre Elternpflichten richtig wahrnehmen, indem sie bei den Arbeiten ihres Kindes genau hinschauen
  • auch die Lehrpersonen auf differenzierte Art versuchen, ihrem Kind zu helfen
  • sich das Kind trotz all dieser Bemühungen weiterhin quält.

Einige Eltern verfallen in eine kurze Depression. Das darf zur Auseinandersetzung mit dem Problem gehören.

 

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Phase 5: Akzeptanz

Es gibt keinen Zeitrahmen darüber, wie lange der ganze Prozess bis zur Akzeptanz dauert. Es gibt Eltern, die schon im ersten Jahr, in dem die Lehrerin sie darauf anspricht, mit einer genauen Abklärung durch eine Fachperson einverstanden sind. Bei anderen braucht es einen zweiten oder sogar einen dritten Lehrer, der es endlich schafft, an die Eltern heranzukommen und sie davon zu überzeugen, dass es ein Problem gibt, das zu lösen ist.

Der beste Tipp für erfolgreiche Elterngespräche zu diesem Thema ist besonders einfühlsam zu sein und sich dieser fünf Phasen bewusst zu sein. Und dabei zu versuchen, allfällige Kommentare der Eltern nicht persönlich zu nehmen.


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 Bildernachweis: Grafiken